Nordstr. 19 (abgerissen)

Aktenrecherche Stadtarchiv

nordstr19

Bild: Nordstraße 19 1864 (Rehfeld, Emil: Geschichte des städtischen Realgymnasiums 1868-1928, S.3/Witten aus alter Zeit, Bd. 3, S. 187)

Nordstraße 19 – heute Spielplatz
Am Freitagabend den 19. September 1873 wurde hier das neu errichtete Schulgebäude mit Betsaal von der jüdischen Gemeinde zu Witten mit feierlichen Gesängen eingeweiht, nachdem sie aus den angemieteten Räume in der ehemaligen Weidengasse 9 hierher ziehen konnte. Die Stadt Witten plante das Haus bereits seit 1870. Es konnte aber erst ab 1871 nach dem deutsch-französischen Krieg mit dem Bau begonnen werden.

„Das Erdgeschoss bestand aus einem großen, wunderschönen Klassenraum und drei angrenzenden Räumen, die meine Wohnung bildeten. Die Schüler nutzten den großen Schulhof während der Pausen und wir ihn als Garten. Im Obergeschoß befand sich die Synagoge.“ (Jacob Ostwald, jüdischer Kantor und Lehrer)

1885 kündigte die Stadt Witten den Mietvertrag mit der jüdischen Gemeinde, um eine höhere Töchterschule hier zu etablieren. Die jüdische Gemeinde kaufte an der Ecke Kurze Straße/Breite Straße ein Grundstück und errichtete dort ihre Synagoge.

Ab 1904 nutzte das Bauamt der Stadt Witten die Räume bis zum Ende des ersten Weltkriegs. Zwischenzeitlich wurde das Erdgeschoss der Nordstraße 16 für zusätzliche Büros angemietet. Das Gebäude Nordstraße 19 wurde 1923 bis 1925 von den französischen Besatzern beschlagnahmt. Im Obergeschoss wurde ein Kriegsgericht eingerichtet. Von September 1923 bis April 1924 betrugen die Kosten für die Stadt Witten für die Behebung der Schäden und die Sanierung
143 901 092 300 00,- Mark (Einhundertdreiundvierzig Billionen…)
Der Schaden in der inflationsbereinigten Rechnung wird mit 4.193,74 Mark angegeben.

Von 1925 bis 1938 stellte die Stadt Witten das Haus der IHK Bochum als gewerbliche Fortbildungsschule zur Verfügung. Besonders zu erwähnen ist hier die Mädchenabteilung mit 23 Schülerinnen. In vier Klassen wurden zwischen 100 und 160 Schüler unterrichtet. Lehrlinge zahlten 36 RM pro Jahr und Handelsschüler 216 RM.

Während des Nationalsozialismus war die Nordstraße 19 ab 1938 der Sitz der Kreisleitung der NSDAP. Ein Kreisgericht befand sich im Obergeschoss. Im benachbarten Haus der Jugend zogen die Hitlerjugend und der BDM ein.

Nach dem Krieg nutzte die Stadt Witten die Räume ab 1950 für die Stadtbücherei und ab 1958 bis zuletzt für das Straßenverkehrsamt. Bei einer Sicherheitsbegehung 1961 wurden starke Baumängel festgestellt. Die Holzbalken im Dach waren verfault und der linke Giebel stand nicht mehr lotrecht und drohte einzustürzen. Im August 1962 erging die Anordnung das Haus aus Sicherheitsgründen zu räumen. Im Juli 1963 wurde es abgerissen.