Nordstrasse 16

1895 – 1914
Am 25. März 1895 reichte der Finanz-Stadtinspektor Johann Kaulart, zugereist aus Bochum, einen Bauantrag für das Haus Nordstraße 16 ein. Das Objekt lag in dem gerade neu entstehenden Hohenzollernviertel in Witten. In der Baubeschreibung heißt es:
„Zum Bau eines Wohngebäudes für Herrn Steuerinspektor Kaulart zu Witten. Das projektierte Gebäude wird in den Umfassungs- und balkentragenden Wänden wie Treppenhauswänden massiv in Ziegel- bzw. Eisenfachwerkswänden ausgeführt. Die Schornsteinrohre werden in den Grenzmauern so angelegt, dass sie dem Nachbarn zugekehrten Schornsteinwandungen 26cm stark werden. Die Mansardenflächen werden mit Schiefer, die Plattform mit Holzcement eingesetzt. Die Balkenlagen erhalten Zwischendecken, Bretter mit Lehm u. Bohlenaschenschicht übertragen. Die Abortgrube wird durch ein in der Mauer eingelegtes Ventilationsrohr, welches über den Dachfirst aufgeführt wird, entlüftet.
– verantwortliche Bauunternehmer waren Lünenburger und Franzen, die auch die Häuser Nordstraße 23 und 25 erbauten. Zu Friedrich Lünenburger mehr s.u. –
Bauzeichnung_Nordstraße16
Im Jahr 1914 wird die Nordstraße an die Kanalisation angeschlossen. In diesem Zeitraum ist nur noch von der Witwe Kaulart die Rede.
Die Aktenrecherche im Stadtarchiv ergibt im Zusamenhang mit der Vermietung des Ergdgeschosses der Nordstraße 16 als Vertragspartnerin Anna Kaulart (*22.2.1873 in Aachen, + 28.2.1965 Witten). Sie war die Ehefrau von Joahnn Kaulart, dem Erbauer des Hauses (die Meldekarte von Johann Kaulart ist zur Zeit nicht auffindbar. Eine zukünftige Digitalisierung der Meldekarten lässt hoffen, dass sie wieder auftaucht.)
 Anna Kaulart war nach Auskunft der Meldekarte Caritas Sekretärin und ist 1894 im Alter von 21 Jahren nach Witten zugezogen aus Bochum.
Nachdem sie 1911 den Mietvertrag mit der Stadt Witten abgeschlossen hatte, meldete sie sich 1912 ab nach England. Im März 1914 bis April 1914 war sie kurzzeitig wieder gemeldet in der Roonstraße 14, der späteren Uthmannstraße. Aus der Meldekarte geht hervor, dass sie zu diesem Zeitpunkt aus Frankreich zuzog.
Im April 1914 meldete sie sich wieder ab nach Paris.
 Vom 8.3.1915 bis zum 20.3.1915 war sie kurzzeitig wieder in der Nordstraße 16 gemeldet und meldete sich dann ab nach Hamburg.
 Vom 26.6.1916 bis zum Juli 1918 war sie wieder in der Nordstraße 16 gemeldet und meldete sich dann im Juli 1918 ab nach Eicherscheidt, Kreis Montjoie. Montjoie ist die französische Bezeichnung des Kreises Monschau. Da Monschau an der Grenze zu Belgien in der Eifel am Rande des Hohen Venn liegt, ist zu vermuten, dass der Aufenthalt von Anna Kaulart in Eicherscheid von Jul bis September 1918 im Zusammenhang mit dem 1. Weltkrieg und ihrer Tätigkeit als Caritas Sekretärin stand, genauso wie die vielen anderen Auslandsaufenthalte in der Zeit von 1914 bis 1918.

1.7.1911 Anna Kaulart schließt einen Mietvertrag für das EG Nordstraße 16 zur Unterbringung eines Teils des Stadtbauamtes.
Mietpreis 520 Mark/Jahr, Teilung der Gaskosten. Der Mietvertrag hat eine Laufzeit von 2 Jahren.
 Unterschrieben von Oberbürgermeister Dr. Haarmann, Bürgermeister Pfeiffer, Stadtbaumeister Baur (der Name Baur kommt beim Bau des Hauses Nordstr. 18 wieder vor) 
In der Stadtverordnetenversammlung sind Namen wie Franzen und Hanff vertreten.

Die Reinigung der vom Stadtbauamt angemieteten Räume übernimmt “Frau Ernst Engelbrecht” (ihr Vorname war Elfriede, aber in der Zeit war die Namensnennung über den Vornamen des Ehemannes üblich) für 10 Mark/Monat. Dafür wird ihrem Mann und ihr erlaubt bei der Schwiegermutter im Haus Nordstraße 19 so lange zu wohnen, wie diese das wünscht. Putzmaterial wird von der Stadt gestellt.

Ernst und Elfriede Engelbrecht hatten drei Kinder. Sie sind 1908 in die Nordstraße 19 zugezogen und 1909 nach einem Aufenthalt in Düsseldorf wieder nach Witten zurückgekommen, bevor sie sich 1913 nach Langendreer abmeldeten.

Vormieter im EG des Hauses Nordstraße 16 war der Ev. Presseverband für Westfalen und für das Fürstentum Lippe.
 Umgezogen in die Röhrchenstr. 10. Kündigung zum 1.4. 1911. Dann verlängert bis 1.9. 1911, weil der Mieter in der Röhrchenstraße keine Nachfolgewohnung gefunden hat.
 Die Räume i.d. Nordstraße 16 waren zum 17.8.1911 geräumt. Die Telefonnummer wurde vom Stadtbauamt übernommen No. 957, 
dazu ein Rest von Kohlen, der sich für die Öfen des Stadtbauamtes eignet. 
In den Räumen werden die Architekten Urban (hinten) und Russo (vorne) untergebracht, sowie ein Aktenraum und ein Vorraum mit zwei Schreibtischen.

26.8.1911 Beantragung eines Abwasserflusses.
Anna Kaulart war von Okt. 1911 bis Mitte Februar 1912 nicht in Witten anwesend, weswegen sie die Zahlung der Abwasserkosten in Höhe von 18,02 Mark bittet, die Stadt zu übernehmen.
 Der Wasserverbrauch von August 1911 bis Jan. 1912 war 14,40 Mark. Der Gasverbrauch von Sept. 1911 bis Jan 1912 betrug 20,62 Mark.
Am 20.9.1912 reklamiert Anna Kaulart handschriftlich bei der Stadt Witten, dass bei der Anbringung einer Gaslampe ein Ziegel beschädigt wurde.
 Die Reparatur übernimmt Wilhelm Schroeder, Witten und stellt eine Rechnung für Maler und Anstreicher in Höhe von 45,53 Mark
7.10.1912 Antrag von Architekt Urban auf die Anbringung einer Klingel.
11.2.1913 Erstmalige Nennung des Mieters Kaufmann G. Boecker im Obergeschoss, der einen Gasverbrauch in Höhe von 4,84 Mark hatte.
18.9.1913 Antrag der Putzfrau Saletzkie, die seit einem Jahr das EG der Nordstr. 16 putzt, wegen zus. Reinigung der Öfen auf Erhöhung des Lohnes. 
Es wird eine Erhöhung genehmigt von 10 Mark/Monat auf 12,50/Monat ab 1.10.1913
25.2.1913 Frau Kaulart bittet um die Erhöhung der Miete für die Büroräume.
14.1.1914 Der Mieter Gregor Boecker will nach Angaben von Anna Kaulart die Räume im EG mieten. Deswegen fragt Anna Kaulart bei der Stadt Witten an, ob diese den Mietvertrag verlängern will.
Gregor Boecker (+25.10.1883 Mettingen, Münsterland, + 13.10.1948, Witten) zog 1910 aus Gelsenkirchen nach Witten in die Bahnhofstraße 19. Vom 9.12.1912 bis zum 7.7.1916 war er in der Nordstraße 16 gemeldet, wonach er wieder in die Bahnhofstraße 19 verzog. Seine Ehefrau war Emilie Boecker. Gregor Boecker war Inhaber des Bekleidungsgeschäfts Boecker in der Bahnhofstraße und da er und seine Frau keine Kinder hatten, vermachten sie ihr Vermögen an die Boecker Stiftung, die heute einige Altenpflegeheime in Witten betreibt.
28.1.1914 einer Mieterhöhung auf 550 Mark/Jahr wird vom Magistrat der Stadt Witten statt gegeben.
1915 – 1945
Eine Akte zur Verlegung des Kanalbüros zum Königsplatz 10 wird angelegt mit Angaben zu geschätzten Kosten.
8.6.1915 Anna Kaulart fragt an, ob sie die Aktenschränke übernehmen kann.
11.6.1915 Beschluss des Magistrats der Stadt Witten, die Räume für weitere 3 Jahre zu mieten
17.10.1915 Anna Kaulart beschwert sich über abgelagerten Müll im Keller.
5.12.1917 In einem Schreiben erwähnt Anna Kaulart zum ersten Mal „“…meinen Mann…“
24.1.1917 Am Königsplatz 10 ist die vom Kriegsamt neu errichtete „Fürsorgestelle für Kriegshinterbliebene“ eingerichtet worden.
1921 kaufte der aus Attendorn zugereiste Kinderarzt Dr. Julius Böheimer das
 Haus in der Nordstraße 16, nachdem er vorher in der Breddestraße 27 kurz 
praktiziert hatte. Julius Böheimer heiratet 1921 Charlotte Nieme, eine
 ev. Christin, aus Elberfeld. Die beiden Söhne aus dieser Ehe, Wolfgang
(*12.1.1923) und Klaus (*13.11.1925) wurden im christlichen Glauben erzogen.

In der Reichspogromnacht versteckte sich Julius Böheimer mit seiner Familie
 vor den tätlichen Angriffen bei ihrem Nachbarn Dr. Wittkopp, der die Familie
 zu schützen bereit war.

Wilhelm (+16.11.1867, Zahnarzt) und Maria Wittkopp waren aus Lippstadt nach Witten zugereist. Am 16.5.1939 meldeten sie sich ab nach Bad Godesberg.

Das Haus wies nach der Pogromnach erhebliche Schäden auf. Wegen eines abgeschlagenen Wasserkrans und Wasserschaden wurde der – als Judenklempner bekannte – Klempner Rau gerufen, der aber die Reparaturarbeiten nicht durchführen konnte, da er vor dem Haus von Schlägern der SS verprügelt wurde.
Unter dem Druck der Nationalsozialisten und der
 wachsenden feindlichen Umwelt – den Kindern wurde der Schulbesuch verweigert und auch die NSDAP Kreisleitung befand sich direkt im 
Haus gegenüber, dort wo heute der Spielplatz vom Haus der Jugend ist – zog 
Julius Böheimer mit seiner Familie nach Köln Riehl. Das Haus Nordstraße 16
 verkaufte er an den Augenarzt Dr. Erich Stoewer.

Erich Stoewer war der Neffe von Prof. Paul Stoewer sen. (+15.10.1864), der mit seiner Frau Elisabeth das Haus Nordstraße 14 besaß und dort ebenfalls eine Augenarztpraxis betrieb. Nachdem Paul Stoewer 1939 seine Praxis aus Altersgründen aufgeben musste, zog sein Neffe Erich Stoewer aus Berlin nach Witten, um die Praxis- und Wohnräume zu mieten.
1930 meldeten sich Paul (sen.) und Elisabeth Stoewer ab nach Bad Godesberg. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass die direkten Nachbarn Dr. Wittkopp 1939 ebenfalls nach Bad Godesberg verzogen, nachdem sie ihren Nachbarn Böheimer in der Verfolgung Zuflucht geboten hatten.

Das Haus Nordstraße 16 ging dann von den vertriebenen Böheimers an den Sohn des nach Bad Godesberg verzogenen Dr. Erich Stoewer. Erst 1949 ist Erich Stoewer laut Meldekarte in der Nordstraße 16 gemeldet gewesen. Es ist zu vermuten, dass die Besitzverhältnisse bis zu diesem Zeitpunkt unklar waren.
In Köln war es Böheimer zunächst noch erlaubt, als “Krankenbehandler für Juden und Zigeuner” zu praktizieren. Von Freunden gewarnt, konnte er sich 
einer Verhaftung durch die Gestapo entziehen, indem er sich bei Bekannten in verschiedenen kleineren Orten in der Umgebung von Köln versteckte. Nach dem 
Krieg war er bis zu seinem Tod 1958 als praktischer Arzt tätig.
 Ein Entschädigungsverfahren im Jahr 1956 entschied, dass Julius Böheimer für sein Haus in der Nordstraße 4000 Mark Entschädigung erhielt.

Der ältere Sohn Wolfgang zog 1938 mit seinen Eltern nach Köln. Als nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 der Familie die Lebensmittelkarten 
entzogen wurden, musste sich Wolfgang bei der Gestapo melden. Er wurde zum Arbeitseinsatz für die Klöckner-Werke AG2 in Hagen Haspe heran gezogen. 
Anfang Februar 1945 wurde er nach Kassel in ein Außenkommando von Buchenwald gebracht und dort zwei Monate später befreit. Wolfgang wurde Ingenieur und
 lebte bis zu seinem Tod 1998 in Essen.

Klaus Böheimer, der jüngere Sohn, wuchs gemeinsam mit seinem Bruder in der christlich-jüdischen Familie auf, geprägt durch die humanistische und patriotische Einstellung
des Vaters, der als assimiliert geltender jüdischer Mediziner gleichwohl aktiv in der Wittener Synagogengemeinde tätig war. Zunächst besuchte Klaus
 die Breddeschule, seit 1936 das Realgymnasium. Er war Mitglied der evangelischen Kirche.

Nach der Flucht der Familie nach Köln gelangte Klaus 14-jährig mit einem der von ausländischer Hilfe organisierten Kindertransporte in ein Heim in
 Riversmead, Yorkshire, England. In diesem Heim der “Nationalen Kinder- und Waisenheimat”, einer Organisation der Methodistischen Kirche, wurden 
christlich getaufte Kinder jüdischer Familien aus Deutschland und Österreich aufgenommen. Hier sollten sie für die Einwanderung nach Australien in
 landwirtschaftlichen und handwerklichen Berufen ausgebildet werden. Klaus absolvierte jedoch mit der Hilfe und finanziellen Unterstützung von Freunden
 der Familie ein Medizinstudium am St. Georges Hospital der London University, an der er 1949 promovierte. Klaus Böheimer diente zunächst im 
“Royal Army Medical Corps” in Japan und Korea und war danach im Range eines Oberleutnants bei der Landesverteidigung in England bis 1957 stationiert.
 Von 1958 bis 1965 war er als medizinischer Direktor in der Pharmaindustrie tätig. Danach hat er sich als Facharzt für Allgemeinmedizin in London nieder
gelassen. Er ist verheiratet und hat 5 Kinder.
Charlotte Böheimer lebte bis zu ihrem Tod 1986 in Köln.

Das Haus Nordstraße 16 wurde bei einem der letzten Bombenangriffe im Dezember 1944 von einer Brandbombe getroffen und brannte vollständig aus. Die Familie Stoewer war evakuiert in Altena, wo Erich Stoewer als Oberstabsarzt ein Lazarett betreute. Die nach dem Bombenangriff noch brauchbaren Möbel, darunter ein Flügel, der aus dem 1. Obergeschoss bis ins Erdgeschoss durchgefallen, aber heil geblieben war, wurden von Nachbarn auf die Straße gestellt, von wo sie Erich Stoewer nach Altena brachte.
1945 – 2013
Am 2. Oktober 1945 stellte der Augenarzt Dr. Erich Stoewer einen Bauantrag für das Einziehen einer Decke für das Erdgeschoss. Die tragenden Stützen sollten Eisenbahnschienen sein, die er von Lünenburger und Franzen bekommen konnte. Da er als Arzt für die ansässigen Bergleute benannt war, wurde ihm das Bauvorhaben genehmigt, damit er seine Praxis weiter führen konnte. Bis dahin hatte Stoewer außerhalb gewohnt und seine Praxis behelfsmäßig im Hause von Dr. Grün in der Schillerstraße 21, und kurze Zeit im Keller des ehemaligen Arbeitsamtes in der Breddestraße geführt, während er ein Zimmer angemietet hatte.

Die vollständige
 Wiederherstellung des Gebäudes erfolgte in den folgenden Jahren. Nachdem Dr. Erich Stoewer 1962 in den Ruhestand gegangen war und nach Stauffen i.Br. verzog, wurden die Praxisräume an den Augenarzt Fritz Gorban, den Schwiegersohn von Dr. Stoewer, bis ca. 1980 vermietet.

1989 verkaufte Klaus Stoewer, der Sohn von Erich, das Haus Nordstraße 16 an den Chirurgen Dr. Karl Lerch, der mit seiner Frau und zwei Töchtern das Haus bis 2007 bewohnte und
dann nach Attendorn zog. Die Praxisräume wurden bis 2012 von einer Zahnärztin genutzt.
2008 ging das Haus in den Besitz von Kerstin und Hendrik Glathe über, die mit ihren Kindern hier wohnen.

Quellen:
– Recherche Stadtarchiv, Akten, Meldekarten
– Zeitzeugenberichte von Anne Stoewer, Ehefrau von Klaus Stoewer, und Klaus Böheimer
– Zeitzeugenbericht von Fritz Rau, Installateur und Klempnermeister

Am 27. Januar 2014 wurde am Haus Nordstraße 16 eine Erinnerungstafel für den vertriebenen jüdischen Arzt Julius Böheimer und seine Familie angebracht.

Erinnerungstafel

 

Sich in ein über hundert Jahre altes Haus zu verlieben, es zu kaufen und zu bewohnen, heißt nicht nur, die architektonischen Vorzüge der Gründerzeit, wie hohe Räume, knarzende Holzdielen und Stuck verzierte Fassaden zu schätzen. Es bedeutet auch, neugierig zu sein auf die Menschen, die hier einmal gelebt haben, wissen zu wollen, ob sie glücklich oder traurig hier waren. Ein altes Haus macht Geschichte lebendig.

Also erkundigten wir uns nach den Vorbesitzern, sammelten Geschichten von Zeitzeugen und erfuhren von dem konkreten Erleben einer Familie, zu einer Zeit, die den meisten von uns nur abstrakt aus dem Geschichtsunterricht bekannt ist. Einer Familie, die hier glücklich war, deren zwei Söhne hier ihre Kindheit verbrachten, deren Vater Jude war. 1938 verließen sie das Haus. Warum? Unsere Recherchen führten uns zuerst an die Wittener Lokalliteratur und damit schnurstracks ins Stadtarchiv.

Die Vertiefung in die Akten, die Bilder, die fachkundige Betreuung durch die Mitarbeiter des Stadtarchivs entfächerten das Leben angesehener Wittener vor uns, und auch das abrupte Ende  dieser scheinbaren Idylle.

Eines Tages bekamen wir überraschenden Besuch. Der jüngere Sohn der jüdischen Arztfamilie klingelete bei uns. Er ist alt und wollte das Haus seiner Kindheit noch einmal sehen, bevor er sterben würde. Wir wurden uns schlagartig bewusst, dass hier, wo wir uns so wohl fühlen, einmal eine Kindheit und eine Familie zerrissen wurde.

In Absprache mit dem Stadtarchiv und mit dem dankbaren Einverständnis des letzten noch lebenden Familienmitglieds der in der Nazizeit vertriebenen Familie wollten wir diesen Baustein der Wittener Geschichte sichtbar machen. Wir möchten den am Haus vorbei gehenden Menschen einen Gedanken mit geben, eine Erinnerung aufrecht erhalten, die uns für die Zukunft lernen lässt.

Hendrik und Kerstin Glathe